PROCESSING: Ein Jahr nach morgen
Warum es mathematisch unmöglich ist, ein Liebesgedicht zu schreiben.
Der Autor als BVB- und Real-Fan in Italien. Foto: privat.
A Ein Statement
Seit meiner Mastektomie sind drei Monate vergangen, es sind drei Monate, seitdem ich diesen Newsletter gestartet habe. Ich wollte, dass er von Kulturkritik handelt und von psychischer Gesundheit, von Sex und dem Schreiben und den Menschen und Künstler*innen in meinem Leben. PROCESSING tut all das und zugleich – und more than I have cared to admit – handelt jeder einzelne der bisher veröffentlichten Texte von Transitioning. Ich wollte nie eine dieser Personen sein, die, mehr memoiristisch als autofiktional, über ihre Transition schreiben. Doch hier bin ich, eingenommen von meiner „pink cloud“ (Lucy Sante in ihrer Transition-Memoir I Heard Her Call My Name1), den neuen Namen und Fragen: Was ist das für ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr? And how the fuck did we get here? Transitioning hat meinen Bezug zur Zeit verändert. Ich stehe mit einem Fuß in einer Vergangenheit (als Mädchen, Tomboy, Frau, Lesbe), deren Zeitrechnung ich neu entziffern muss, mit einem Fuß in der Gegenwart, die zu schnell und zu langsam vergeht und mit einem Fuß in einer Zukunft, in der passieren könnte, was ich Zeit meines Lebens für unmöglich gehalten habe. Ich möchte diesem Umstand nutzen. Mir diese Zeit nehmen, die „highest highs“ und „lowest lows“ (Lucy Sante) zu erkunden, die diese Tage zu bieten haben. Ich möchte Zeugnis ablegen, wenn geschieht, was nie gewesen sein wird. Heute bekommt PROCESSING einen Untertitel. Ich weiß nicht, was nach diesem Jahr, was am Ende dieses Jahres unseres Herrn 2024 passieren wird, mit PROCESSING oder unserer Zeit. Lasst uns mit einem Gedicht2 beginnen.
B Ein Liebesgedicht zu schreiben, ist mathematisch unmöglich3
Ein Liebesgedicht zu schreiben, ist mathematisch unmöglich.
Denn um ein Liebesgedicht zu schreiben, müsste ich weniger heartbroken sein.
Und um weniger heartbroken zu sein, müsste ich checken, wie heartbroken ich bin.
Und um zu checken, wie heartbroken ich bin, müsste ich aufhören, mich abzulenken.
Und um aufzuhören, mich abzulenken, müsste ich mit meinem iPhone Schluss machen.
Und um mit meinem iPhone Schluss zu machen, müsste ich aufhören, Fotos von gelben Autos zu machen.
Und um aufzuhören, Fotos von gelben Autos zu machen, müsste ich vergessen, was A gesagt hat: „Du musst mindestens einmal im Jahr nach Rom fahren.“
Und um zu vergessen, was A gesagt hat, müsste ich weniger verliebt sein.
Und um weniger verliebt zu sein, hätte ich kein Mann werden dürfen, der zu jung ist, um fast 35 zu sein.
Und um kein Mann zu werden, der zu jung ist, um fast 35 zu sein, hätte ich dort bleiben müssen, wo ich nie gewesen bin.
Und um dort zu bleiben, wo ich nie gewesen bin, hätte ich eine redliche Butch werden müssen – eine Veranstaltungstechnikerin im Theater oder eine Sozialarbeiterin mit breiten Schultern.
Und um eine redliche Butch zu werden, hätte ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen müssen.
Und um aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen, hätte ich nicht den Worten vertrauen dürfen, die mir entschieden und verschmitzt in die Augen schauten und flüsterten: “Du verstehst uns noch nicht, Baby, aber du kannst alles sein.”
Und um nicht den Worten zu vertrauen, die mir entschieden und verschmitzt in die Augen schauten, hätte ich nicht lesen dürfen, was ich gelesen habe.
Und um nicht zu lesen, was ich gelesen habe, hätte ich nicht Bs Mutter glauben dürfen, dass man alles von Proust und Ovids Metamorphosen und das meiste von Dostojewski gelesen haben sollte, bevor man volljährig ist.
Und um nicht Bs Mutter zu glauben, hätte ich mich nicht von ihrer Tochter mit nach Hause nehmen lassen dürfen.
Und um mich nicht von ihrer Tochter mit nach Hause nehmen zu lassen, hätte ich nicht wissen dürfen, dass wir mehr Gefühle teilten, als der Vatikan Statuen von Pinienzapfen hat.
Und um nicht zu wissen, dass wir mehr Gefühle teilten, als der Vatikan Statuen von Pinienzapfen hat, hätte ich meine Gefühle sublimieren müssen.
Und um meine Gefühle zu sublimieren, hätte ich ein Liebesgedicht schreiben müssen.
Und ein Liebesgedicht zu schreiben, ist mathematisch unmöglich.
Danke für euren Support und ein herzliches Willkommen allen neuen Lesenden <3
Sante, Lucy. I Heard Her Call My Name. 2024.
Im Auftrag des HAU, Hebbel am Ufer, Theaters in Berlin. Zunächst veröffentlicht in der Festivalpublikation “Love is a Verb”: https://www.hebbel-am-ufer.de/fileadmin/Hau/HAU3000/Publikationen/HAU-Zeitung_Love_is_a_Verb.pdf.
Nach Chelsea Martin, “Mc Donald’s Is Impossible.” https://www.poetryfoundation.org/poems/53322/mcdonalds-is-impossible.


